Fundstücke


News vom 24.12.2003: Deutsche Burschenschaften marschieren in Nürnberg

Am 14.12.03 fand in der Nürnberger Innenstadt ein ungenehmigter Aufmarsch bewaffneter und uniformierter Demonstranten statt [1]. Mehrere Hundert (!) Deutschnationale marschierten nach eigenen Angaben „in vollem Wichs“ Fahnen aus der Zeit des deutschen Reiches schwenkend durch die Nürnberger Altstadt. Die Mehrzahl der aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Kameraden war mit archaischen Waffen wie Säbeln und Degen bewaffnet. Die teils eingeschüchterten, teils belustigten Passanten und Besucher des Nürnberger Christkindelmarktes hätte auch eine Horde Knüppel schwingender Lendenschurzträger nicht anachronistischer erscheinen können – nur dass die Säbelschwinger für das Deutsche Reich ihre urzeitlichen Kameraden um Längen an Gefährlichkeit und Vernichtungspotential übertreffen.

Um die Nürnberger Bürger über diesen unheimlichen Aufmarsch und dessen Hintergründe informieren können, hatten die Studentische Versammlung der Uni Erlangen StuVe [2], die Gruppe Praxis [3] und der Freie Zusammenschluss von Studierendenvertretungen fzs [4] am Tag des Aufmarsches der ewig Vorgestrigen einen Infostand in der Nürnberger Innenstadt aufgebaut. [5]

Hintergrund

Bei den am sogenannten „Thomasbummel“ immer am 3.Advent in Nürnberg aufmarschierten Uniform-Trägern handelt es sich um sogenannte Burschenschaften, Corps und Landsmannschaften. Diese Korporationen bestehen aus Financiers, den sogenannten „alten Herren“ und den vollkommen abhängigen und untergeordneten studierenden „Burschen“. In nahezu allen Verbindungen sind Frauen aufgrund angeblich angeborener Eigenschaften ausgeschlossen. Innerhalb dieser Organisation herrscht eine totale Hierarchie, die Unterwerfung unter den jeweils Ranghöheren fordert, um diese später mit der Möglichkeit des Aufstiegs zum selbst Gewaltausübenden zu belohnen. Die bizarren Rituale dieser Kameraden samt ihrem archaischen, von Unterordnung und Gewalt gegen Schwächeren geprägten Lebensweise, halten die „Burschis“ für eine besonders erhaltenswerte „Tradition“. Als sehr traditionell sind auch ihre Forderungen nach dem Anschluss Österreichs und der Wiederherstellung eines Deutschlands in den Grenzen von 1939 zu bezeichnen. „Treue zum“ oder gleich „Tod für“ das Vaterland sind dann auch immer wieder die von Burschis als essentiell betrachteten eigenen „Werte“. Natürlich gehören dazu noch „Stolz“, „Härte“, „Männlichkeit“ und andere Teilbereiche der Wehrtauglichkeit. Diese bewiesen die Burschis z.B. nach dem ersten Weltkrieg, als sie in sogenannten „Freikorps“ über „Kommunisten“, „Demokraten“, emanzipierte Frauen und anderes „deutschfeindliches“ Gesocks herfielen und die demokratischen Räterevolutionen in Deutschland im Blut unschuldiger Opfer ertränkten. Besonders stolz sind die Korporationen noch heute über ihr Aufgehen im NS-Studentenbund, ein Faktum welches sie in nahezu jeder Diskussion herausstellen. Kurzum: es handelt sich organisierte bewaffnete Banden von militaristischen, nationalistischen und frauenfeindlichen Verehrern des Deutschen Reiches.

Thomasbummel 2003

Am 14.12.03 war es in Nürnberg wieder einmal soweit. Nachdem am 6.Dezember bereits ein Naziaufmarsch die Stadt der Reichsparteitage heimgesucht hatte [6], marschierten nun die senilen Restbestände des Dritten Reichs samt ihren studentischen Fußabtretern auf. Säbelrasselnd zogen die mit Mützen und Schärpen in Schreifarben, Pumphosen, Lackstiefeln und Fellstücken
ausstaffierten Militaria-Freaks durch die Altstadt. „Normale“ Passanten in Zivilkleidung waren kaum noch zu sehen. Gestört wurde die nostalgische Idylle nur durch einen Informationsstand studentischer Initiativen mit antifaschistischem Selbstverständnis. Schon bald scharten sich die ersten Waffenträger um die StudentInnen, und es wurden rasch mehr. Von allen Seiten wurden die Betreiber des Standes umringt. Die angereisten Burschis ergingen sich in frauenfeindlichen Beschimpfungen gegenüber den weiblichen Studentinnen und absurdesten Rechtfertigungen des eigenen deutsch-nationalen Elitarismus. Von antifaschistischer Seite wurden Gesänge und Pfeifen entgegengesetzt. Insgesamt standen etwa 20 AntifaschistInnen 500-1000 Deutschtümlern gegenüber. Diese Mehrheitsverhältnisse machten einigen Nationalisten Mut, auch körperlich gegen die Standbetreiber vorzugehen. Neben den Regenschirm-Attacken eines Burschis, der im Gegensatz zu seinen Kameraden zum Glück seinen Degen vergessen hatte, fiel ein nach eigener Aussage aus Bremen stammender Korporierter immer wieder durch Rempeleien auf. Dies geschah unter den Augen der Polizei, die darüber nur amüsiert grinste solange die Burschis angriffen. Mehrere Hinweise darauf, dass ein angemeldeter Infostand von einer unangemeldeten Demonstration bewaffneter uniformierter Nationalisten attackiert wurde, wurden von der Polizei teils ignoriert, teils belustigt kommentiert. Wenn sich die Grünen nicht gerade angeregt mit ihren korporierten Kameraden unterhielten, gingen sie z.B gegen zwei Antifaschistínnen vor, die sich hinter ihrem Stand auf den Boden gesetzt hatten und entfernten diese. Auch ihr ehemaliger Chef, der Ex-Oberbürgermeister Scholz marschierte bunt bemützt mit den nationalistischen Waffenträgern. Die knallrote Schnapsnase stammelte dann beim Anblick des Info-Standes auch noch heraus, dass es sich seiner Meinung nach bei den Standbetreibern um „Nazis“ handeln würde, weil sie Nationalismus, Rassismus und Frauenfeindlichkeit kritisierten, wofür laut Scholz ja auch die Nazis bekannt seien.

Lieber ein Geschwür am After als ein deutscher Burschenschaftler!

1] Nach dem Versammlungsgesetz sind Demonstrationen unter freiem Himmel anzumelden, Uniformierung der Demonstranten und das Tragen von Waffen – auch sogenannter „passiver Bewaffnung“ wie Suspensorien o.ä. – sind strengstens verboten!
2] StuVe: www.stuve.studierende.uni-erlangen.de/index.php
3] Praxis: www.praxis.placerouge.org
4] fzs: www.fzs-online.org
5] Aufruf von Praxis: www.praxis.placerouge.org/index.php
6] Naziaufmarsch am 6.12.: www.de.indymedia.org/2003/12/69183.shtml

Kommentare

? Augenzeuge …

Ich muß zugeben, daß ich beim Lesen des Artikels „Deutesche Burschenschaften marschieren in Nürnberg“ mir das ein oder andere grinsen nicht verkneifen konnte. Dabei amüsierte mich weniger die offensichtliche Falschdarstellung der traditionellen Veranstaltung, sondern eher die erschreckende Unkenntnis des Autors über die Ursprünge der studentischen Verbindungen und der Ausprägung dieser Ursprünge in heutiger Zeit. Daher möchte ich zunächst den aufmerksamen Leser über einige generelle Dinge informieren, bevor ich im Speziellen auf den Thomasbummel am 14.12.2003
eingehen werde.

Die Burschenschaften haben ihren Ursprung in der studentischen Bewegungen des 17.-18. Jahrhunderts.
Zu dieser Zeit besaß die Universität das Recht zur Selbstverwaltung, das Recht der Gerichtsbarkeit
über ihre eigenen Mitglieder und die Lehrfreiheit. Die Mitglieder der Universität wurden ihrer Herkunft nach in Nationes aufgeteilt. Aus diesen Nationes entwickelten sich die frühen Landsmannschaften nach dem Vorbild der Handelsgilden, welche wir in der heutigen Moderne als Handwerkskammern kennen. Diese Landsmannschaften waren den Studenten bei der Zimmersuche behilflich und errichteten Speisehäuser für Studenten sog. Bursen (daher auch der Name Bursche und Burschenschaft). Jedoch waren auch diese frühen Landsmannschaften nicht ohne Makel. Pennalismus, Ausschreitungen zwischen älteren Studenten gegenüber Studienanfängern, waren an der Tagesordnung.
Aus diesem Umfeld heraus entwickelten sich die Burschenschaften, die von ihren Mitgliedern einen einwandfreien Lebenswandel forderten, und durch ihre urdemokratische Struktur dem Pennalismus entgegenwirkten. Diese damals ?moderne? Burschenschaft wurde am 12. Juni 1815 in Jena von den dortigen Landsmannschaften gegründet. Während der Besetzung Europas durch Napoleon war ein starkes Nationalbewusstsein in den deutschen Splitterstaaten entstanden. Die Studenten der Deutschen Burschenschaft wollten ein Vorbild für alle Menschen in den feudalistischen deutschen Kleinstaaten darstellen um weitere Kriege zwischen den deutschen Staaten zu verhindern und sich gemeinsam gegen Bedrohungen von außen zu wehren. Nach den gewonnenen Freiheitskriegen gegen Napoleon, sollte ein geeinter deutscher Staat entstehen.

Aus diesem Kontext ist es, denke ich, leichter zu verstehen, dass die Burschenschaften eben nicht besonders Stolz auf Ihr Aufgehen im NS-Studentenbund sind. Denn dieses Aufgehen glich damals einer Zwangsauflösung, durch die Hitler eben diese freien Gedanken, die wir Studenten so sehr schätzen, zu verhindern wusste. Denn das höchste und auch zugleich gefährlichste Gut des Studenten ist die Denk- und Redefreiheit.

Nun aber zum Thomasbummel am 14.12.2003.

Für uns Studenten stellt der Thomastag mit einhergehendem Thomasbummel eine Bereicherung im tristen
studentischen Alltag dar. Schon seit mehreren Jahrhunderten treffen sich in Nürnberg die Studenten. Sinn dieses Treffens war jedoch nie eine politische Demonstration, sondern es ergab sich einfach daraus, dass Nürnberg in früherer Zeit ein Verkehrsknotenpunkt war. Die Studenten trafen sich schlicht und einfach deswegen, weil sich ihre Wege während der Heimreise von der Universität zu den Eltern kreuzten. Wer will schon nicht Weihnachten im engsten Familienkreis verbringen? Somit ist unter dem Thomastag eher eine studentische Begegnung zu verstehen, bei der man alte Freunde sieht, als eine politische Demonstration. Da es aber die Neuzeit erfordert, solch große Menschenmassen die sich unter freiem Himmel treffen, als Demonstration zu deklarieren, war diese auch als solche angemeldet. Daher fand der Thomasbummel auch neben dem Weihnachtsmarkt statt, und eben nicht auf dem Weihnachtsmarkt. Der Stand der ?Gegendemonstranten? diente und dabei lediglich zur kurzfristigen Erheiterung, da die in mühseliger Kleinstarbeit hergestellten Transparente durch die offensichtlichen Ersteller dieser verdeckt wurden, so dass wir den Text leider nicht erkennen konnten. Offensichtlich nahmen die außerordentlich jungen Gegendemonstranten sich selbst wichtiger als ihre eigentliche Botschaft. Ein überraschendes High-Light war es dann, als ein milchgesichtiger Gegendemonstrant, der wohl aufgrund seines Alters kaum Student sein konnte, einem Teilnehmer des Thomasbummels ein Kleidungsstück stahl, jedoch von einem anderen Teilnehmer ?gefasst? werden konnte.
Dass dies die in der Nähe stehenden Polizisten belustigte, kann ich nur gut verstehen. Insgesamt gesehen war der Thomastag eine sehr gelungene Veranstaltung, die ich vermutlich im nächsten Jahr erneut besuchen werde.

Nun habe ich schon fast alles geschrieben was ich loswerden wollte, jedoch verbleiben ein paar Kleinigkeiten, die ich dem Leser mit auf den Weg geben will:

1.) Der FC Bayern ist nicht deswegen frauenfeindlich, weil er keine Frauen in seine erste Mannschaft aufnimmt

2.) Die Mitglieder der Burschenschaften heißen Burschenschafter und nicht Burschenschaftler. Man bedenke, wie informiert der Autor über Burschenschaften sein muß, dass ihm solch ein trivialer Fehler unterläuft.

3.) Faschisten sind Antidemokratisch. Da wir aber Urdemokratisch sind, ist eine antifaschistische Demonstration wohl unangebracht. Fruchtbare Diskussionen können da wohl kaum entstehen.

4.) Auch nach dem novellierten Waffengesetz ist ein Prunkschläger keine Waffe. (Sonst dürfte er wohl
kaum unter den Augen der Polizei öffentlich getragen werden.)

5.) Leider hat es insgesamt den Anschein, dass der Autor des obigen Textes nur ein Mitläufer ist, der die genauen Hintergründe der Burschenschaften nicht kennt. Daher appelliere ich an jeden, sich zunächst zu informieren und dann zu schreiben.

Gruß,

ein ?gefährlicher ,bewaffneter und uniformierter? Demonstrant mit gewaltigem Vernichtungspotential

13.01.2004 , Kommentar 2 von 2

? Orthodox …

„In nahezu allen Verbindungen sind Frauen aufgrund angeblich angeborener Eigenschaften ausgeschlossen. “
1. meine person ist in einer verbindung wo auch frauen zugelassen sind und auch drinn sin – das das meist nich zugelassen is is weil man eine dame nich gern zusäuft oder gegen eine dame fechtet was ja aber nunmal nicht bei jeder verbindung pflicht ist zu fechten.

2. das ne strenge hirarchie is is wohl eher sehr weniger praxis, es wird in vielen verbindungen eher nach direkt-demokratischem recht entschieden.

3. “ Als sehr traditionell sind auch ihre Forderungen nach dem Anschluss Österreichs und der Wiederherstellung eines Deutschlands in den Grenzen von 1939 zu bezeichnen. “ das ist ein gerücht in dem sinne dass es viele verbindungen so sehen, der stolz beruht auf der deutschen kultur egal wo sie sei es gibt nur wenige verbindungen die diese dann eben „einigen“ wollen also annektierung von gebieten fordern.

4. tod fürs vaterland isses nich gleich man soll bloss waffe ergreifen fürs vaterland, das wäre dann nicht systemunabhängig so wäre ein faschistisches system gegen die grundidee von burschenschaften/verbindungen, dass manch verbindungsmitglieder nach dem verbot von burschenschaften und verbindungen durch die nazis bei den nazis tätig wurden kann man nicht bestreiten, aber wie gesagt nicht alle und nicht gerade viele.

5. “ Natürlich gehören dazu noch „Stolz“, „Härte“, „Männlichkeit“ und andere Teilbereiche der Wehrtauglichkeit“ Größtenteils Gerücht, man muss sich nur mal manch Schlappschwänze angucken in den verbindungen die sowas wie ein neues reich fordern 😉

6. Nun gehen wir wohl endgültig zu weit und bringen alle möglichen gerüchte zum vorschein und erklären sie zur realität oder wie?! „Kurzum: es handelt sich organisierte bewaffnete Banden von militaristischen, nationalistischen und frauenfeindlichen Verehrern des Deutschen Reiches. “ ich hol mal das heraus was daran realität ist: Militaristen gibt es ein paar aber sie sind gering, nationalisten noch geringer, frauenfeindlich fast garnicht, und verehrern des dritten reiches ist einfach nur stuss, es gibt maximal 50 von über 10.000 burschen die dies tun, die meisten die es tun werden auch aus der jeweiligen burschenschaft/verbindung geschmissen daher ist die anzahl von solchen personen um null.

Gruß ein anarchistisches Verbindungsmitglied.